Was ist gerecht? Wenn sich einer die Frage stellt, ob etwas gerecht ist, woran macht er seine Antwort dann fest? Wie geht er vor? Zum Beispiel könnte einer sich fragen ob sein Lohn gerecht ist:
Im ersten Schritt fiele einem vielleicht ein: Na klar, ich kann gut davon leben, scheint schon zu stimmen soweit. Im zweiten Schritt: Warte mal, aber mein Chef arbeitet viel weniger als ich – verdient aber mehr. Vielleicht ist mein Lohn doch nicht so gerecht. Ich sollte mehr Lohn bekommen. Vielleicht denkt er aber auch noch etwas weiter und merkt: Woanders auf der Welt arbeiten Menschen jeden Tag doppelt so lange wie ich und können sich damit nicht richtig ernähren. Ich sitze hier und habe einen Leasingwagen in der Einfahrt stehen, meine Kinder haben ein Trampolin im Garten, meine Frau kauft sich jedes Jahr ein neues Handy von meinem Geld. Ich sollte, wenn es, verglichen mit dem Rest der Welt, gerecht sein soll, eigentlich viel weniger verdienen. Am Ende wird der Rest der Welt wieder vergessen und an die Arbeitskollegen gedacht: Mit denen kann ich mich ja am Besten vergleichen – die sind immerhin in der selben Situation und verdienen genauso wie ich. Im Prinzip scheint das schon alles ganz gut zu passen…
Egal wie es ausgeht, am Ende fragt und beantwortet man nie die Frage, ob etwas gerecht ist, sondern überlegt eigentlich ob es nicht vielleicht ungerecht ist. Genauso wie Frieden sich durch die Abwesenheit von Krieg definiert, so definiert sich Gerechtigkeit eigentlich über die Abwesenheit von Ungerechtigkeit, auch wenn die Wortgebung das Gegenteil vermuten lässt.
Was ist also gerecht? Gerecht ist etwas dann, wenn man zu dem Schluss kommt, dass es nicht ungerecht ist – etwas weiter gedacht bedeutet das:
Nichts ist gerecht (zumindest nicht in unserer Welt).